Editorial oder Grabrede für ein System
Nach langer Pause, in der sich hinterland nicht vornehm, aber bewusst und die Krise beobachtend, zurückgehalten hat, wird es nun Zeit, in angemessener Form über die Krise vorzudenken - da schon die ersten wieder von Aufschwung faseln, Banker und Manager trotz miserabler Ergebnisse exorbitante Boni einstreichen, Milliardäre sich vor Züge warfen, eine Milliardärin vor der Belegschaft ob ihres Verlustes Tränen herauspresste, die Belegschaft schluchzend Mitleid bekundete, eine andere Milliardärin ihre Angst vor Armut in einem überwiegend in Rot gehaltenen Blatt feil gab, ein Ministerpräsident im hohen Norden über horrende Bonuszahlungen an einen Manager der ländereigenen Bank das Parlament "falsch informierte" (so die offizielle Sprachregelung ...), Politik am Ende der Handlungsfähigkeit angelangt ist und wenig willens scheint, zu gestalten.
Es wird nicht lange dauern, bis die nächste Krise das System erschüttern wird - analog zu vorschnell abgebrochener Genesung bei Grippen, die dann sehr gefährlich werden. Denn gefährlich war diese Krise noch nicht: Das Potenzial zahlender Bürgerinnen und Bürger war schon eingepreist. Doch nach dieser Krise werden diese in Zukunft arg Ausgepressten kaum mehr in der Lage sein, noch höhere Kosten zu stemmen. Es ist anzunehmen, dass viele das hinterland suchen werden ... Die nächste Wahl wird dies vielleicht zeigen.
Diese Krisen-Nummer ist noch im Entstehen begriffen und der Herausgeber würde sich über Beiträge zum Thema Krise, Ökonomie, Ethik, Ausnahmezustand, ihre ästhetischen Parameter und das h i n t e r l a n d freuen.
J.Georg Brandt
(Herausgeber hinterland)
